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Zu den Entwicklungsplänen des DGfG-Arbeitskreises Geomorphologie:

Der Vorstand und Beirat des AK Geomorphologie, vertreten durch Prof. Dr. Michael Krautblatter (TU München), hat in jüngster Zeit mehrere Vorschläge zur Weiterentwicklung des mit Abstand größten und des heute schon als nicht eingetragenen Verein organsierten Arbeitskreises innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Geographie (DGfG) vorgelegt und diskutiert diese zurzeit mit den eigenen Mitgliedern, aber auch mit Verantwortlichen des VGDH und der DGfG. Die Pläne gehen auf einen Antrag von Prof. F. Ahnert von 2013 zurück, am 27.9.2019 wurde von Vorstand und Beirat des AK Geomorphologie einstimmig die Befassung damit beschlossen, am 21.9.2020 einstimmig die Vorstellung der Pläne in der Mitgliederversammlung und am 28.9.2020 wurde in der Mitgliederversammlung einstimmig mit zwei Enthaltungen beschlossen, dass Vorstand und Beirat eine entsprechende Änderungssatzung zur Diskussion vorbereiten. Vorstand und Beirat haben den Prozess mit mehreren Diskussionsrunden der Mitglieder begleitet und versuchen möglichst offen und transparent auch in der Mitgliederversammlung des VGDH ihre Argumente zu diskutieren – es gehe nicht um eine Abspaltung, sondern um eine rechtssichere und stimmige Aufstellung der Geomorphologie – auch die primäre Affiliierung an die Geographie werde in der Satzung formalisiert. Im Rahmen der vorgesehenen Änderungen geht es in erster Linie um die Umwandlung des AK Geomorphologie von einem seit 1986 rechtsunsicheren nicht eingetragenen Verein in einen eingetragenen Verein, was in der großen Mitgliederzahl (> 300), dem Einzug von Mitgliederbeiträgen, vielfältigen Aktivitäten (einschließlich der Vergabe von Preisen) und der internen Struktur begründet liegt. Dieses Vorgehen ist sinnvoll; es entspricht dem momentanen strukturellen Aufbau und erhöht voraussichtlich die Rechtssicherheit.

In diesem Kontext ist es für das Fach Geographie, den VGDH und die DGfG von Bedeutung, dass sich der Vorstand und Beirat des AK Geomorphologie die Gründung einer „Deutschen Gesellschaft für Geomorphologie“ (vorläufiger Arbeitstitel) vorstellt und darlegt, wie er in dieser Richtung tätig werden möchte. Die Hintergründe für einen solch tiefgreifenden Schritt stehen in Zusammenhang mit dem Wunsch nach einer besseren Sichtbarkeit der deutschen Geomorphologie. Der AK Vorstand und Beirat erhofft sich, dass damit eventuell auch eine größere Internationalität und Interdisziplinarität einhergehen könnten. Hierzu ist festzustellen, dass die Geomorphologinnen und Geomorphologen bereits seit vielen Jahren ausgesprochen intensiv international publizieren und regelmäßig auf internationalen Tagungen im Rahmen der „International Association of Geomorphologists“ (IAG), der „International Union for Quaternary Research“ (INQUA) und der „European Geosciences Union“ (EGU) vertreten sind. Dass wissenschaftliche Forschungsergebnisse auf den genannten fächerübergreifenden Konferenz-Plattformen präsentiert werden, zeigt klar eine ausgeprägte internationale und gleichermaßen interdisziplinäre Vernetzung, welche sich zudem in der Zusammensetzung von Autorenteams in einschlägigen Publikationen widerspiegeln. Hervorheben muss man an dieser Stelle insbesondere die Aktivitäten der „Jungen Geomorphologinnen und Geomorphologen“ im Arbeitskreis, welche in diesem Kontext maßgebliche Beiträge liefern. Die geomorphologische Kollegenschaft arbeitet zudem dauerhaft in interdisziplinärer Form u.a. in den Bereichen Böden, Landschaftsarchive und Geoarchäologie. Natürlich können alle diese Aktivitäten weiter ausgebaut werden, jedoch fällt es an dieser Stelle schwer, sich eine essentielle Steigerung von Aktivitäten allein durch die Gründung einer „Deutschen Gesellschaft für Geomorphologie“ vorzustellen.

Eine Intensivierung der Aktivitäten, auch mit der Initiierung von Forschungsprogrammen, kann auf jeden Fall genauso sinnvoll über den DGfG-Arbeitskreis Geomorphologie erfolgen, und wünschenswert wäre an dieser Stelle auch eine stärkere nationale Akzeptanz und Beteiligung der Fachdisziplin, z.B. im Rahmen der Deutschen Kongresse für Geographie (DKG).

Es besteht zudem der Wunsch im Vorschlag des Vorstand und Beirats mit stärkerem institutionellen Bezug zu den so genannten „Harten Geowissenschaften“, dass eine solch neu zu gründende „Deutsche Gesellschaft für Geomorphologie“ auch eine Anbindung an die Deutsche Gesellschaft für Geologie/Geologische Vereinigung (DGGV) erhalte. Die neue Gesellschaft würde somit gleichermaßen zur DGfG und zur DGGV gehören, was letztere begrüßen würde. Die Rückfalloption bleibt weiterhin die DGfG was die mitgliedermäßig stärkere Affiliierung an die Geographie deutlich zeigt.   Dies erklärt sich letztendlich auch aus dem Wunsch einer potentiell steigenden Mitgliederzahl sowie einer deutlichen Integration der Fachdisziplin Geomorphologie in einen geologischen Verband.

Was impliziert das nun für das Fach Geographie und seine Verbände? Um als erstes an die Zahlen zu denken, könnte mit der Umwandlung des Arbeitskreises mit großer Wahrscheinlichkeit ein Mitgliederverlust für den VGDH, der die Interessen an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen arbeitenden Geographinnen und Geographen vertritt, einhergehen. Manche könnten meinen, es sei nicht (mehr) notwendig, dem VGDH anzugehören, wenn es eine „Deutschen Gesellschaft für Geomorphologie“ gäbe. Darüber hinaus betrifft eine solche Vorgehensweise (doppelte Affiliation des Arbeitskreises) das „Herz“ der Geographie, die Struktur und den Rahmen des Faches.

Die Konstellation in den universitären Instituten mit Humangeographie und Physischer Geographie, welche durch moderne, methodisch orientierte Bereiche, wie z. B. Geoinformatik und Fernerkundung, nachhaltig unterstützt werden, stellt für die Zukunft eine sichere Basis dar. Hier forschen und lehren mit Abstand die meisten Geomorphologinnen und Geomorphologen in Deutschland. So ist die humangeographische Seite stark für die anhaltend guten Studierendenzahlen verantwortlich und von den physisch und methodisch orientierten Bereichen wird ein Großteil der Drittmittel akquiriert. Als Erfolgsmodell hat sich z.B. der intensive Austausch von Geoinformatik und Geomorphologie in vielen Geographischen Instituten erweisen. Insgesamt stehen wir als ein Fach mit starker Grundlagen – sowie gleichermaßen anwendungsorientierter Forschung gut aufgestellt da, können auf signifikante Schnittstellen zwischen allen Teilbereichen auch in der Zukunft weiter aufbauen sowie moderne Mensch-Umwelt-bezogene Themen in Forschung und Lehre kompetent vertreten. Dies trifft in essentieller Weise alles auf die Geomorphologie zu, auch wenn hier die retrospektivischen Forschungsaspekte größere Zeiträume umfassen können. Mensch-Umwelt-Beziehungen mit ihren natur-/kulträumlichen Prozessen und Auswirkungen auf Landschaftssysteme stehen deshalb nicht nur in der Humangeographie im Mittelpunkt des Interesses. Die Geomorphologie stellt eine Kernkompetenz des Gesamtfaches Geographie und der Erdsystemwissenschaften dar, die es als solche zu erhalten gilt und die wir nicht der Geologie auf dem Silbertablett servieren sollten. Eine Schwächung der Geomorphologie an deutschen Hochschulen würde dort unweigerlich zum Verlust von Geographie-Arbeitsplätzen führen. Ob im Gegenzug die gleiche Zahl oder gar mehr an Arbeitsplätzen für Geomorphologinnen und Geomorphologen an anderen, nicht-geographischen Institutionen geschaffen würde, ist mehr als fraglich.

In den Schulen bildet die Geographie (immer noch) ein essentielles Schnittstellenfach, das in besonderer Weise geeignet ist, die Komplexität von Mensch-Umwelt-Wechselwirkungen im Raum zu verdeutlichen und damit Wege zur Bewältigung aktueller und zukünftig erwarteter ökologischer, ökonomischer und sozialer Herausforderungen zu finden und zu bewerten. Die Geomorphologie ist für diese Aufgaben unverzichtbar und hat als Teildisziplin der Geographie in den letzten Jahren über den Schulunterricht hoch-relevante Themen wie z.B. die Auswirkungen von Naturkatastrophen, die Erfassung und Bewertung von Naturgefahren sowie anthropogener Landschaftsveränderungen, den Umgang mit raumbezogenen Daten etc. direkt in die Gesellschaft hineingewirkt. Eine partielle Aussonderung geomorphologischer Forschung in andere Disziplinen würde somit dem Schulfach Geographie/Erdkunde und damit unserem Bildungsauftrag schaden.

Es würde zudem einem alten Wunsch des Faches Geologie, an den Schulen die Geographie zu ersetzen, Vorschub leisten. Der Wunsch der Geologie, als Schulfach anerkannt und etabliert zu werden, ist traditionsreich. Er wurde über Jahrzehnte unter anderem auch als Kampf innerhalb der Geo-Union ausgefochten. Wer sich heute eine „Zusammenarbeit mit der Geologie im Bereich Lehre“ gut vorstellen kann, wie es Herr Krautblatter auf der letzten VGDH-Mitgliederversammlung ausdrückte, tut gut daran, sich der strukturellen Konkurrenzsituation zwischen Geographie und Geologie bewusst zu sein. Die Etablierung des Schulfaches Erdkunde und die feste Verankerung geographischer Kompetenzfelder im Schulunterricht sollte nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden.

Sicher sind Kooperationen von Geographie und Geologie im Bereich von Lehre und Ausbildung an anderen Stellen sinnvoll, im Bereich des Schulunterrichtes gibt es allerdings hier für das Fach Erdkunde nichts zu gewinnen.

Vor allem im Sinne unserer Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler, welche wir für öffentliche Arbeitgeber und für die freie Wirtschaft ausbilden, müssen wie deren Chancen erhalten und weiter ausbauen. Eine nicht ganz unproblematische Zerteilung in Physische Geographie und Humangeographie würde durch den Schritt zu einer Deutschen Gesellschaft für Geomorphologie mit Anbindung an die DGGV z. T. vorhandene Gräben noch weiter verstärken und kann das Miteinander an Instituten und in unseren Verbänden deutlich schwieriger werden lassen.

Für den Vorstand des VGDH:

Prof. Dr. Olaf Bubenzer (Kassenwart)

Prof. Dr. Andreas Dittmann (1. Vorsitzender)

Prof. Dr. Birgit Terhorst (Stellvertretende Vorsitzende)

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