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Call for Chapter: Sozialwissenschaftliche Klimaanpassung (german/english)

Call for Chapter
Sozialwissenschaftliche Klimaanpassung – Theorien, Methodologie und Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Forschung

Herausgeber:innen: Susann Schäfer1, Hartmut Fünfgeld2, Anika Zorn1, Dennis Fila2
1 Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Geographie, Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie, Löbdergraben 32, 07743 Jena
2 Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Institut für Umweltsozialwissenschaften und Geographie, Geographie des Globalen Wandels, Schreiberstraße 20, 79098 Freiburg

Der Klimawandel ist seit Beginn der Fridays-for-Future-Bewegung erneut zu einem gesellschaftlichen Diskussionsthema geworden, welchem sich die Forschung in noch umfangreicherem Maße angenommen hat. Während die ersten Forschungen zu den Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels vor allem eine naturwissenschaftliche Ausrichtung aufwiesen, leisten die Sozial- und Geisteswissenschaften mit der zunehmenden Dringlichkeit von Klimaschutz und Klimawandelanpassung wichtige Beiträge. Seit etwa zehn Jahren gibt es in diesen Wissenschaften eine intensive Debatte zu den Folgen des Klimawandels und zu Anpassungsmöglichkeiten, die sich nicht nur über disziplinäre Grenzen erstreckt, sondern auch vielfältige Aspekte und Dimensionen des gesellschaftlichen Lebens, ökonomischer Systeme und der Governance auf und zwischen verschiedenen räumlichen Ebenen aufgreift. Im Zuge dieser Auseinandersetzung sind Konzepte, wie zum Beispiel Vulnerabilität, Anpassungskapazität, Resilienz, (Klima-)gerechtigkeit aus ihren disziplinspezifischen, oft naturwissenschaftlichen bzw. philosophischen Ursprüngen herausgehoben, übertragen und für die Erforschung von Mensch-Umwelt-Interaktionen im Klimawandel adaptiert worden. Die inzwischen sehr heterogene Debatte um Klimawandelanpassung ist durch verschiedene Entwicklungen gekennzeichnet:

(a) Praxisbezug der Anpassungsforschung
Viele Forschungsprojekte im Bereich der Klimawandelanpassung (z. B. KLIMZUG- und RegIKlim-Projekte) werden von Ministerien oder anderen öffentlichen Einrichtungen finanziert, was zu einem starken Anwendungsbezug in der Forschung führt. Der Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung von konkreten Lösungsansätzen oder Best Practices für ausgewählte Regionen bzw. Sektoren (Marx 2018; Nagorny-Koring 2018). Somit werden Sozialwissenschaften häufig zu den „Übersetzerinnen“ des Klimawandels für Fragen wie diese: „Die naturwissenschaftlichen Daten sagen x; was bedeutet das jetzt für die Menschen?“ (Bulkeley 2019, 6). Gerade die Sozialwissenschaften können viel zur Lösung von Anpassungsproblemen auf unterschiedlichen Handlungsebenen beitragen (Grothmann et al. 2011), jedoch gerät durch die Fokussierung auf praktische Problemlösung eine entsprechende Theoretisierung meist in den Hintergrund. Dies kann insofern problematisch sein, als dass durch fehlende Theoretisierung wichtiges Wissen und Erfahrungen aus den Projekten nicht abstrahiert und gegebenenfalls auf andere Phänomene (z.B. andere Krisen) übertragen werden kann. Gleichzeitig trägt die Ausblendung zentraler ontologischer und erkenntnistheoretischer Fragen zu einer in Anspruch und Umsetzung oft stark begrenzten Form von Begleitforschung bei, die sich leichter von anwendungsorientierten Herangehensweisen instrumentalisieren lässt.

(b) Spannungsfeld Objektivität – Subjektivität
Klimaanpassungsforschung verlangt einerseits eine Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen (z. B. Klimadaten), aber auch die Analyse subjektiver Realitäten und Praktiken aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive. Während das IPCC und führende Klimaforscher:innen aus den Naturwissenschaften immer wieder die durch Beobachtungs- und Modelldaten belegte Existenz des Klimawandels verteidigen müssen, lehnen poststrukturalistische Ansätze in den Sozialwissenschaften einen objektiven Blick auf soziale Realitäten ab. Die Annahme, Realität sei durch Sprache konstituiert und zwangsläufig subjektiv und höchstens intersubjektiv vermittelbar, aber nie objektiv, wirft Herausforderungen auf Ebene der Erkenntnistheorie, der politischen Implikationen und der Rolle von Forscher:innen auf. Trotz früher Versuche, dieses Spannungsfeld wissenschaftlich aufzuarbeiten (Passoth 2010), bleibt Klimawandelanpassung im Vergleich zu anderen Mensch-Umwelt-Verhältnissen ein randständiges Thema bei poststrukturalistischen, performativen und new materialism-Ansätzen. Gleichzeitig bergen diese Ansätze Potenziale, den Mensch-Natur-Dualismus zu überwinden (Bulkeley 2019).

(c) Forschungsgrenzen in der Anpassungsforschung
Unsicherheiten sowie bewusstes oder unbewusstes Nichtwissen sind elementarer Bestandteil der Auseinandersetzung mit Klimawandelfolgen. Dies stellt die Forschung in diesem Bereich vor Herausforderungen oder zeigt gar Grenzen des Wissens auf (Mehta et al. 2019). Neben diesen strukturellen Grenzen gilt es nach über zehn Jahren zu ermitteln, wo – gerade auch aufgrund der Dynamik im Bereich der Planung und Umsetzung von Klimawandelanpassung – Forschungsdesiderate innerhalb der Klimawandelanpassungsforschung bestehen und wie zukünftige, sozialtheoretisch fundierte Forschung in diesem Feld aussehen kann. Während Klimawandelanpassung in Disziplinen wie der Stadt- und Raumplanung seit Jahren fester Bestandteil der Forschung ist, finden sich entsprechende Fragestellung in anderen Wissenschaftszweigen, beispielsweise in der Wirtschaftsgeographie, selten wieder (Bulkeley 2019, 10).

(d) Beitrag der Klimawandelanpassungsforschung zu sozialwissenschaftlicher Theoriebildung
Aufgrund des starken Anwendungsbezugs bleibt der Beitrag der Klimawandelanpassungsforschung zu sozialwissenschaftlicher Theoriebildung zum Teil unklar. Diverse Disziplinen wie die Humangeographie, Soziologie, Psychologie, Politologie, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften befassen sich mit Fragen der Klimaanpassung. An einer systematischen Erfassung, welche Potentiale die Klimaanpassungsforschung für sozialwissenschaftliche Theoriebildung in den einzelnen Disziplinen, aber auch zu interdisziplinären Konzepten wie Resilienz haben kann, mangelt es bisher. Auch die Integration von sozial- und geisteswissenschaftlichen Perspektiven, wie sie beispielsweise im interdisziplinären Feld der Environmental Humanities vorangetrieben wird, wird im Bereich der Forschung zu Klimawandelanpassung bisher nur selten vollzogen. Mit anderen Worten: Es fehlt an einer Übersicht, zu welchen sozial- und geisteswissenschaftlichen Theorien und Konzepten – auch aus internationalen Debatten – Klimawandelanpassungsforschung einen Beitrag geleistet hat oder zu leisten imstande ist.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung möchten die Herausgeber:innen des geplanten Sammelbandes die Diskussion anhand folgender Fragen anregen:

  1. Welche Potenziale bietet Klimawandelanpassungsforschung für sozialwissenschaftliche Theoriebildung in unterschiedlichen Disziplinen?
  2. Inwieweit existieren in der Klimawandelanpassungsforschung interdisziplinäre Verbindungen im Hinblick auf sozialwissenschaftliche Theoriebildung?
  3. Welche Rolle spielen Gerechtigkeitsfragen und Perspektiven, die sich mit Macht- oder Herrschaftsaspekten auseinandersetzen?
  4. Welchen Beitrag kann eine kritische sozialwissenschaftliche Bearbeitung von Klimawandelanpassung leisten und welche theoretischen Ansätze eignen sich hierfür besonders gut?
  5. Welche ontologischen und epistemologischen Aspekte von sozialwissenschaftlicher Klimawandelanpassungsforschung sind einzigartig für das untersuchte Phänomen und erfordern daher besondere theoretische oder methodologische Herangehensweisen? Inwieweit wurden im Zuge poststrukturalistischer Ansätze in den Sozialwissenschaften und der damit einhergehenden Abkehr von der objektivistischen Betrachtung der Gesellschaft soziale Phänomene wie der Klimawandel weniger beforscht?
  6. Inwieweit lassen sich die Erkenntnisse der sozialwissenschaftlichen Klimawandelanpassungsforschung auf andere Phänomene (z.B. Wirtschaftskrisen) transferieren?
  7. Welche internationalen Diskurse und Konzepte haben das Potenzial, stärker in die deutschsprachige sozialwissenschaftliche Klimawandelanpassungsforschung übernommen zu werden?

Das Anliegen des Sammelbandes ist es, diese oder vergleichbare Fragen theoretisch, aber auch auf Basis empirischer Forschung zu erörtern und somit zu einer Theoretisierung und Reflexion der Klimawandelanpassungsforschung beizutragen. Interessierte Wissenschaftler:innen, die einen Beitrag zu einer oder mehrerer dieser Fragen leisten möchten, bitten wir um die Einreichung eines Abstracts (500-1.000 Wörter) sowie eines kurzen CV. Beide Dokumente können bis zum 30.04.2021 an Anika Zorn (anika.zorn@uni-jena.de) und Dennis Fila (dennis.fila@geographie.uni-freiburg.de) gesendet werden. Die Einreichung englischsprachiger Beiträge ist ebenfalls willkommen. Für Rückfragen stehen Anika Zorn und Dennis Fila gern zur Verfügung.

Original Call (german/ english)

Referenzen
Bulkeley, H. (2019): Navigating climate’s human geographies: Exploring the whereabouts of climate politics. Dialogues in Human Geography 9 (1). 3-17.
Grothmann, T./ Daschkeit, A./ Felgentreff, C./ Görg, C./ Horstmann, B./ Scholz, I./ Tekken, V. (2011): Anpassung an den Klimawandel – Potenziale sozialwissenschaftlicher Forschung in Deutschland. GAIA 20 (2). 84-90.
Marx, A. (2017): Klimaanpassung in Forschung und Politik. Springer Spektrum. Wiesbaden.
Mehta, L./ Adam, H./ Srivastava. S. (2019): Unpacking uncertainty and climate change from ‚above‘ and ‚below‘. Regional Environmental Change 19. 1529-1532.
Nagorny-Koring, N. (2018): Kommunen im Klimawandel. Best Practices als Chance zur grünen Transformation? transcript. Bielefeld.
Passoth, J. (2010): Diskurse, Eisbären, Eisberge: Material-Semiotische Verwicklungen und der Klimawandel. Voss, M. (Hrsg.): Der Klimawandel. Sozialwissenschaftliche Perspektiven. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden.

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