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„Europa(-Welten) im Umbruch – Grenz(ziehung)en im Wandel“: Tagungsbericht und Call for Participation

In den letzten Jahren haben geopolitische Überlegungen neuerliche Relevanz erlangt, wovon in besonderer Weise der Ukraine-Krieg im Frühjahr 2022 zeugt. Territoriale Integrität und Völkerrecht wurden unterminiert. Das Verhältnis der Europäischen Union und seiner Mitgliedsstaaten zu den Nachbarn erfuhr und erfährt Umbrüche, so wie sich auch neue Fragmentierungen und Zäsuren innerhalb „Europas“ ergeben, blickt man beispielsweise auf die Covid-19-Pandemie seit Frühjahr 2020 zurück. Mit der Tagung „Europa(-Welten) im Umbruch – Grenz(ziehung)en im Wandel“, die am 5. und 6. Oktober in Saarbrücken stattfand, hatten sich die Deutschen Akademie für Landeskunde (DAL), das Cluster für Europaforschung (CEUS) und die Arbeitsgruppe Europastudien der Universität des Saarlandes das Ziel gesetzt, rezente Brüche und sich wandelnde Grenzziehungen in Europa und darüber hinaus zu beleuchten.

In seiner Keynote stellte Prof. Dr. Paul Reuber (Westfälische Wilhelms-Universität Münster) Entgrenzungen und wiederkehrende Begrenzungen seit den 1980er Jahren in den Mittelpunkt, um so aufzuzeigen, dass räumlich formatierte Machtoperationen wieder zunehmen. Grenzen erlangen damit auch in Europa eine neuerliche und nicht zwingend erwartete Relevanz. In drei Schwerpunkten beleuchtete Paul Reuber, unterfüttert mit Beispielen, theoretisch-konzeptionelle Zugänge, mit denen aktuelle grenzbezogene Fragestellungen eine vertiefende Bearbeitung erfahren können: 1) raumbezogene Identitätsgeschichtsschreibungen kritisch reflektieren, 2) spezifische Regierungstechnologien gouvernementalitätsbezogen ausleuchten und 3) Grenzen und Grenzregionen als Assemblages denken. Für eine sich neu ausrichtende „regionale Geographie“ jenseits von Geodeterminismen stellen, so das Résumé des Referenten, Grenzen in ihren unterschiedlichen Facetten und Ausprägungen ein wichtiges Forschungsfeld dar.

Am Folgetag wurden in neun Vorträgen historische und aktuelle Fragestellungen betrachtet: Hierzu zählten Einordnungen zu Souveränitätsbestrebungen in Europa vor dem Hintergrund multipler Krisen seit der Eurokrise, der Zustimmung zu rechtspopulistischen Parteien, zu Desintegrationsprozessen im Zuge des Brexits, aber auch die Darstellung möglicher Potenziale für eine stärkere Krisenfestigkeit in Europa, gerade in europäischen Grenzregionen. Die sog. Großregion zwischen dem Saarland, Rheinland-Pfalz, Lothringen, Luxemburgs und südlichen Teilen Belgiens erhielt besondere Aufmerksamkeit im Hinblick auf stereotypisierende territoriale Zuschreibungen wie „Saarabien“, komplexe Grenzziehungen und „Grenzüberschreitungen“ in Industriefilmen zur Grenzregion sowie heutige Aushandlungsprozesse im Zuge rezenter Energietransitionen.

In der Zusammenschau ergaben sich vielfältige Diskussionsprozesse zu „Europa-Welten“ im Mehrebenengeflecht von „Europa in der Welt“ bis zum Lokalen – und dies mit einem Blick „von innen“, wie auch „von außen“ auf europabezogene Umbrüche. Die Jahrestagung der Deutschen Akademie für Landeskunde hatte 2018 mit der „Perspektive: Regionale Geographien“ einen ersten neuen Akzent auf regionalisierende Forschungszugänge und deren Potenziale gelegt, wobei in diesem Zuge ein besonderes Augenmerk auf das (Wechsel-)Verhältnis zum Feld der „Area Studies“ gerichtet wurde. Die DAL-CEUS-Tagung 2022 setzte den angestoßenen Reflexionsprozess gerade in der Abschlussdiskussion fort, wobei hier die Potenziale interdisziplinärer Zugänge besondere Betonung fanden. Mit dem Cluster für Europaforschung CEUS bietet die Universität des Saarlandes explizit eine interdisziplinär ausgerichtete Plattform, die in den kommenden Jahren weiter ausgebaut wird. Die Deutsche Akademie für Landeskunde wird die Reflexion regionalgeographischer Potenziale vom 4. bis 6. Oktober 2023 in Tübingen mit der Ausrichtung auf Darstellungsformen regionaler Geographien weiterführen. Der Call for Abstracts wird im kommenden Jahr 2023 veröffentlicht.

Auf Basis der diesjährigen Tagung und in Erweiterung um zusätzliche Autor:innen werden Julia Dittel, Olaf Kühne und Florian Weber bei Springer VS einen Tagungsband herausgeben, der sich „Transformation Processes in Europe and Beyond – Perspectives for Horizontal Geographies“ zuwenden wird. Mehr zum Band erfahren Sie hier: https://vgdh.geographie.de/tagungen/calls/2022/17942/. Interessenbekundungen mit Arbeitstitel und kurzem Abstract werden bis 15. Dezember 2022 von Julia Dittel entgegengenommen.

Julia Dittel, Florian Weber (Universität des Saarlandes) und Olaf Kühne (Universität Tübingen)

Kontakt: julia.dittel@uni-saarland.de

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