CfP: Frühjahrstagung der Sektion Arbeits- und Industriesoziologie, 04.-05.04.2019 in Nürnberg

CfP: Frühjahrstagung der Sektion Arbeits- und Industriesoziologie, 04.-05.04.2019 in Nürnberg

07.11.2018

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Arbeit(s)_struktur_bruch.
Zur Bewältigung struktureller Brüche regionaler Arbeitswelten

 

Aktuell ist viel von der digitalen Transformation von Arbeit und Gesellschaft die Rede – häufig verbunden mit der Aussicht auf das Verschwinden vieler Tätigkeiten in der Zukunft. Unabhängig davon, wie grundlegend dieser Wandel ausfallen mag: die Transformation von Arbeit und ihr Verschwinden ist kein reines Zukunftsthema, sondern ein sich auch in der jüngeren Vergangenheit ständig vollziehender Prozess.

 

Der Wandel von Arbeit auf regionaler Ebene ist oft mit dramatischen Strukturbrüchen verbunden. Das gilt für die industriellen Giganten der Werftindustrie in den Küstenstädten oder von Stahl und Kohle im Ruhrpott. Das gilt in viel umfassenderem und zeitlich schnellerem Ausmaß für das Ende und das Entstehen vielfältiger Arbeitswelten in den Neuen Bundesländern. Strukturbrüche von Arbeit fanden und finden sich immer wieder auch in kleineren regionalen Zusammenhängen und unterschiedlichen Branchen: genannt werden können das Ende der Handyproduktion oder die Ansiedelung neuer Unternehmen an verschiedenen Standorten, das Verschwinden der großen Elektronik-Hersteller wie Grundig oder AEG in der Metropolregion Nürnberg-Fürth-Erlangen oder der Ausbau großer öffentlicher Arbeitgeber zur Strukturförderung, der Umbau von der Banken- oder Druckerbranche der 1980er Jahre zu global agierenden Finanzdienstleistern und Multi-Channel-Medienunternehmen oder aktuell beim Thema Elektromobilität und den damit verbundenen Umbrüchen in der Automobilindustrie.

 

Ob mit positiver oder negativer Tendenz: Die lokale Ökonomie, historisch entstanden rund um die verschwundenen und verschwindenden oder sich neu konturierenden Kerne, ist oft existenziell betroffen. Erwerbsbiografien und Lebensplanungen sind aus der Bahn geworfen oder erhalten ungeahnte Optionen, weil scheinbar verlässliche Arbeits- und Karrieremöglichkeiten vor der Haustüre wegfallen oder sich völlig neuartige ergeben. Kommunale Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit wird gebremst oder befördert, weil Steuereinnahmen wegfallen oder anders als bisher sprudeln; weil ungenutzte Industrieflächen und Infrastrukturen leere Schneisen in bis dahin belebte Gebiete schlagen oder neue Chancen für die Stadt- und Verkehrsplanung ermöglichen. Solche
Strukturbrüche finden oft nur dann und punktuell eine mediale und überregionale Aufmerksamkeit, wenn sie mit schlagartigem Arbeitsplatzverlust einher geht wie etwa im Beispiel AirBerlin oder der Schließungsankündigung des Görlitzer Siemenswerks. Teils sind in kurzer Taktung Auf- und Abwärtsdynamiken zu bewältigen (z.B. die teils nur wenige Jahre wirksame Ansiedelung von Solarunternehmen oder Call-Centern in den neuen Bundesländern), teils stellen sich erwartete Effekte nicht ein (so die schon seit der Teleheimarbeitsdebatte mit jedem Digitalisierungsschub so erhoffte wie enttäuschte Aufwertung des ländlichen Raums).

 

Arbeitssoziologische Forschung über Strukturbrüche in regionalen Arbeitswelten kann auf lange Traditionen zurückblicken. Werks- und Standortschließungen waren bis in die 1980er Jahre ein wichtiger Gegenstand der arbeitssoziologischen Forschung. Die Transformationsforschung nach dem Ende der DDR beschäftigte sich in den 1990er Jahren mit konkreten Bewältigungsstrategien in Folge des Verlusts vertrauter Arbeitswelten. Mit der Expansion deutscher Unternehmen nach China und Osteuropa wurde Near- und Offshoring in den 1990er Jahren als unternehmerische Strategie in den Blick genommen und die sich dadurch veränderten Arbeitsprozesse in verteilter Arbeit untersucht. Informatisierung und die damit verbundenen Möglichkeiten der globalen
Reorganisation der Arbeit waren ein wichtiger Forschungsgegenstand. Viel weniger aber wissen wir darüber, wie positiv verlaufende Strukturbrüche bewältigt werden, wie solche strukturellen Veränderungen in Betrieben und Regionen gestaltet und verhandelt werden und wie der Verlust von Arbeit und ihren Standorten regional erlebt und erlitten wird. Insbesondere das Zusammenspiel von betrieblichen Strategien, lokal gelebten industriellen Beziehungen, regionalen Arbeitsmärkten und den Akteuren der regionalen Politik und Zivilgesellschaft stehen eher selten in einem integrativen Blick der Forschung. Vielleicht aber ließe sich lernen von den Strukturbrüchen im Kleinen für die anstehenden Transformationsherausforderungen im Großen.

 

In diesem Sinne geht es bei der Frühjahrstagung um das Thema Arbeit(s)_struktur_bruch. Sie findet am Ort eines solchen Bruchs statt: dem ehemaligen Werksgelände der AEG in Nürnberg. An diesem Ort wollen wir uns mit unterschiedlichen Aspekten struktureller Brüche regionaler Arbeitswelten beschäftigten. Von Interesse sind:

  • Ursachen von Widerständen und Dynamiken von Werks- und Standortschließungen sowie ihren Folgen;
  • Lebensweltliche, betriebliche und/oder regional-politische Aushandlungs- und Konfliktprozesse um die Durchsetzung versus Verhinderung von Schließungen oder Ansiedelungen oder der regionalen Gestaltung ihrer Folgen;
  • Individuelle, soziale und regionale Bewältigungsstrategien nach dem Ende oder dem Entstehen neuer regional relevanter Arbeitswelten;
  • Geteilte und verbindende Erinnerungskulturen und Erfahrungsräume diverser Gruppen (Geschlecht, Alter, Migration, Beschäftigtenstatus, Erwerbsrolle in der Familie, direkt/vermittelt usw.);
  • Institutionelle Rekonfigurationen, ökonomische und berufsbiografische Neustarts, ggf. auch Vergleiche unterschiedlicher Regionen und Strukturbruchdynamiken; Zusammenhänge und Konflikte von lokalen industriellen Beziehungen und regionalen politischen und zivilgesellschaftlichen Akteuren;
  • Bewältigungs-, Transitions- und Innovationsstrategien im Zusammenhang mit Strukturbrüchen in Betrieben und Industrien, die Veränderung von Qualifikations- und Kompetenzrundlagen in Betrieben, die Neuausrichtung betrieblicher Organisation und Produkte im Zusammenhang mit der regionalen Arbeitsmarktpolitik.

 

Erwünscht sind insbesondere Beiträge, die solche Transformationsprozesse nachzeichnen und dabei den auf bestehende Unternehmen bezogenen Fallstudienblick erweitern um die regionale, ökonomisch-strukturelle, zeitlich-historische, lebensweltliche oder berufsbiografische Perspektive. Es sind auch Beiträge aus angrenzenden Disziplinen willkommen, etwa aus der regionalen Strukturforschung, der Stadt- und Raumsoziologie, der Geschichtswissenschaft, der Gender- und Migrationsforschung, der Arbeitslosen- und Armutsforschung oder der biografischen Forschung. Um bei aller Unterschiedlichkeit der Perspektiven einen gemeinsamen Fokus und einen lebendigen Austausch zu stiften, sollten alle Beiträge einen erkennbaren Bezug zu einem konkreten, regional zu verortenden Transformationsprozess im o.g. Sinne herstellen.

 

Wenn Sie Interesse an einem Beitrag haben, dann senden Sie bitte

  • ein maximal 1-seitiges Abstract mit Titel und Ihren Kontaktdaten
  • bis zum 15. Januar 2019 per Email an die Organisatoren/-innen der Tagung:

 

PD Dr. Martin Krzywdzinski
WZB Wissenschaftszentrum Berlin
für Sozialforschung
10785 Berlin
martin.krzywdzinski@wzb.eu

 

Prof. Dr. Sabine Pfeiffer
Friedrich-Alexander-Universität
Erlangen-Nürnberg
90429 Nürnberg
sabine.pfeiffer@fau.de

 

Dr. Mascha Will-Zocholl
Hessische Hochschule für Polizei
und Verwaltung (HfPV)
65199 Wiesbaden
mascha.will-zocholl@hfpv-hessen.de

 

Die Benachrichtigung über die Annahme erfolgt bis Anfang Februar 2019.

Angenommene Beiträge sollen in den AIS-Studien 2/2019 veröffentlicht werden, die im September erscheinen werden. Der Einreichungstermin für die Erstfassungen der Artikel ist der 15.06.2019. An diesen Termin schließen sich ein Feedback der Herausgeber/-innen und ggf. eine Überarbeitung der Artikel an. Die Endfassungen der Artikel sollen bis 1.9.2019 vorliegen.

 

 

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