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Bericht zum Gründungstreffen des AK Labour Geography

Dem Aufruf zur Gründung eines Arbeitskreises ‚Labour Geography‘ des VGDH am 07. Februar 2020 folgten 30 Geograph*innen und Wissenschaftler*innen aus verwandten Disziplinen. Nach intensiven Diskussionen wurde der Arbeitskreis ins Leben gerufen und auch sein Sprecher*Innen-Team gewählt (bestehend aus den Autor*innen dieses Berichts). Beschlossen wurde ein jährliches AK Treffen jeweils in der zweiten Februarwoche sowie das Vorhaben als AK regelmäßig auf dem Deutschen Kongress für Geographie ein Panel zu Themen der Labour Geography zu stellen. Das nächste Treffen des AK Labour Geography wird am 11. und 12. Februar 2021 voraussichtlich in Gelsenkirchen stattfinden.

Doch was ist Labour Geography genau? Warum verwenden wir den englischen Begriff für einen Arbeitskreis im deutschsprachigen Raum?

Vor rund zwei Jahrzehnten prägte Andrew Herod (1997) mit der Begründung der ‚Labour Geography‘ einen grundlegenden Wandel in der geographischen Auseinandersetzung mit Arbeit. In bis dato und teilweise bis heute dominierenden wirtschaftsgeographischen Ansätzen wurden und werden Arbeit und Arbeiter*innen entweder aus neoklassischer Perspektive als Produktionsfaktoren oder aus marxistisch-regulationistischer Perspektive als Objekt von Staats- und Kapitalinteressen betrachtet. Die Labour Geography rückt dagegen den arbeitenden Menschen als geographisch handelndes Subjekt in den Fokus des Erkenntnisinteresses. ‚Labour‘ hat dabei drei Konnotationen, die wir nicht übersehen wollen: Labour als Arbeitsprozess (Arbeit), Labour im Sinne von arbeitenden Menschen (Arbeiter*innen) und Labour als kollektiv handelnder Akteur (Arbeiter*innenbewegungen). Alle drei Aspekte sind wesentlich in der Produktion von Raum und daher Grund für die Namensgebung des Arbeitskreises.

Mit diesem Perspektivenwechsel stellen sich Fragen zu den räumlichen Dimensionen von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Prozessen anders als üblich. So sind beispielsweise Arbeits“plätze“ nicht einfach ein für das Unternehmen funktionaler Ort. Viel eher sind sie eingebettet in von Arbeiter*innen durch eigensinniges Handeln hervorgebrachte sozialen Beziehungen, Netzwerken und Raumstrukturen. Technologien und organisatorische Abläufe, Arbeitszeit- und Schichtmodelle, die (oft patriarchal-hierarchischen) Muster funktionaler Arbeitsteilung – all diese Elemente von Arbeits“plätzen“ sind nie rein kapitalseitig gesetzt, sondern stets Gegenstand von vielfältigen, von Arbeiter*innen als Subjekten getragenen Auseinandersetzungen. Gleiches gilt für die Frage, wo und wie globale Wirtschaftsstandorte, Cluster oder Logistikzentren entstehen und sich entwickeln. Globale Wertschöpfungsketten werden aus Labour Geography-Sicht zu Verkettungen von räumlich verknüpften und eigensinnig handelnden Arbeiter*innengruppen. Diese produzieren den Wert, der geschöpft wird. Die Feminisierung der Arbeit ist vor diesem Hintergrund nicht nur als effektivere Ausbeutungsstrategie des Kapitals zu kritisieren, sondern sie eröffnet unter Umständen auch neue Handlungsressourcen zur Infragestellung von patriarchalen und sexistischen Praktiken innerhalb der ArbeitERbewegung und für eine Erweiterung des gesellschaftlichen Arbeitsbegriffs.

Natürlich gibt es eine ganze Reihe offener Fragen und theoretischer Baustellen. Auf unserem Gründungstreffen haben wir eine Auseinandersetzung darüber begonnen. Im Rahmen eines Aktionscafés diskutierten wir die Hauptthemen Wertschöpfungsketten, Digitalisierung, Gender und soziale Reproduktion, Staat und Governance, Organisierung sowie Forschungsmethoden und –perspektiven. Als übergreifende Querschnittsthemen entstanden Diskussionslinien zu Kapitalstrategien, Prekarisierung von Arbeit, Rassismus, zu Arbeit und Naturverhältnissen und zu Fragen der Theoriebildung. So entwickelten sich erste Annäherungen, Kontroversen und anbahnende Kooperationen. Folgende Arbeitsziele, Themenschwerpunkte und Fragestellungen sind dabei entstanden:

  • Wir wollen systematischer einen Ansatz der sozialen Reproduktion in der Labour Geography entwickeln. Wie können wir dabei Alltagshandeln von (Lohn-)Arbeiter*innen mit gesellschaftstheoretischen, politökonomischen und -ökologischen sowie feministischen Perspektiven zusammenbringen? Wie können wir Struktur und Agency räumlich in Verhältnis zu Produktion und Reproduktion setzen, sowohl empirisch aus den gegenderten Erfahrungen von Arbeiter*innen als auch systemisch?
  • Wir wollen aktuelle Veränderungen in der Organisationsweise der Produktion aus einer Perspektive der Labour Geography analysieren. Wie verändern bspw. Digitalisierung und Wertschöpfungsketten das Potential von Agency, und welche Strukturen engen diese ein? Welche neuen Beschäftigungs- und Naturverhältnisse werden damit räumlich im Zentrum und in der Peripherie produziert?
  • Wir verwenden unterschiedliche Staatstheorien, um Fragen von Governance und Regulation zu stellen und zu beantworten, und um dem Verhältnis von transnationalem Kapital und Nationalstaaten nachzugehen. Wie sind Kämpfe um sozialen Standards und Sozialverträge oder um die politische Anerkennung von unterschiedlicher Formen von Arbeit räumlich verschränkt mit Repression, Fragmentierung und Migrationsregime im globalen Kontext?
  • Wir wollen räumlich-strukturelle Probleme und Kapitalstrategien identifizieren, um erfolgreiche Organisierungsstrategien zu entwickeln. Was sind Formen transnationaler Organisierung von Arbeiter*innen, die es schaffen Gegenmacht aufzubauen? Wie wird und/oder kann in diesem Zusammenhang Raum aktiv genutzt werden? Wie konzeptionalisieren wir repressiv-reaktionäre Orientierungen (Rassismus, Sexismus) im Zusammenhang mit (Lohn-)Arbeit und Raum? Wie können diese in Frage gestellt werden?
  • Wir wollen insbesondere über die eigenen Forschungsmethoden und die –praxis reflektieren. Wie kann transformative Forschung in Zusammenarbeit mit Akteur*innen aus Arbeiter*innenbewegungen aussehen und kontinuierlich gestaltet werden? Wie können wir Aktionsforschung und transdisziplinäre Methoden sinnvoll einsetzen? Welche Forschung ist für die Praxis relevant? Wie denken wir über das Verhältnis von Wissenschaft und Aktivismus und über unsere eigene Positionalität nach?

Das Interesse, zusammen an Konzepten, Theorien und Methoden der Labour Geography zu arbeiten und vor dem Hintergrund aktueller sozioökonomischer Transformationsprozesse weiterentwickeln, ist also geweckt. Wer dabei mitwirken möchte, ist herzlich eingeladen! Nähere Informationen und Anmeldung zum Verteiler: lopez@wiso.uni-koeln.de

Michaela Doutch (Universität Bonn), Stefanie Hürtgen (Universität Salzburg), Tatiana López (Universität zu Köln) und Oliver Pye (Universität Bonn)

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